"Scary Spice"
Es gibt schon wieder soviele Dinge zu erzählen, dass ich fürchte dieser Blogeintrag könnte die Leselust des ein oder anderen sprengen. Aber ihr dürft euch natürlich frei fühlen das Ganze in Etappen zu lesen!
1. Der englische Student
Aufgrund meiner unterschiedlichen Aktivitäten habe ich die Möglichkeit das Studentenleben hier von ganz unterschiedlichen Seiten aus zu betrachten.
Da wären zum einen die Mädels aus der Rugby Mannschaft. Die meisten der Ladys kommen frisch vom "Abitur" und erleben die Universität natürlich als aufregenden Platz zum erwerben von Wissen und dem erweitern des eigenen Horizonts. Ja, was ich damit sagen will: PARTY! Die Ladys sind unglaublich. Nahezu jeden Abend betrinken sie sich in einem der vielen Pubs oder Bars auf dem Campus oder machen Brigthon unsicher. Es ist mir ein Rätsel wie die dabei noch ihr Studium schaffen, wobei mir versichert wurde, dass das undergraduate Studium wohl nicht ganz so anspruchsvoll ist. Vielleicht sind sie auch einfach jünger!
Abgesehen vom Feiern ist die Studentschaft hier anscheinend sehr sozial und politisch engagiert. Eine der Societies, die "Social Worker", haben riesigen Zulauf von allen Seiten. Ich beäuge diesen Trend eher misstrauisch und fühle mich beim Anblick der Studenten dort permanent an unseren kleinen fahnenschwingenden Kommunisten in der Prager Straße erinnert.
Die Studentenvereinigung, USSU, in der man als Student der Universität Sussex automatisch Mitglied ist, erinnert mit ihren Pappnasen und ihrer Arbeitsweise etwas an den Studentenrat. Wobei das Auftreten insgesamt doch professioneller ist, als das was unsere Barackenbewohner fabrizieren.
Es finden permanent Wahlen oder Referenden statt zu unterschiedlichsten Themen. Das derzeitige Referendum finde ich eher erschreckend. Es geht dabei darum über den Boykott israelischer Produkte abzustimmen und die Partei die für diesen Boykott ist, ist erschreckend groß. Sehr offensiv treten sich hier pro und contra Israeliten gegenüber. Gerade die Befürworter des Boykotts gehen extrem aggressiv auf Studenten zu und beschreien diese regelrecht mit ihren Parolen. Ich war natürlich beim Referendum und habe meine Stimme abgeben. Ich bin sicher die meisten von euch wissen wie ich abgestimmt habe.
Zum Studentenleben an der Universität Sussex ist noch zu sagen, dass dieser Campus einer kleinen Stadt gleicht. Auf dem Gelände der Universität finden sich 2 Pubs, 1 Club, geschätzte 7 Cafés, 1 Kirche, 1 Supermarkt, 1 großer Bücherladen, 2 Bankinstitute, 1 Post, ca. 4 öffentliche Telefonzellen und jede Menge Eichhörnchen. So erschreckend ich den Anblick der ewig gleichen Gebäude bei meinem ersten Besuch fand, so beruhigend und einnehmend finde ich jetzt diese Einheit die sie bilden. Die Studenten die auf dem Campus wohnen müssen diesen nie verlassen, egal was sie benötigen. Insgesamt findet der größte Teil des Lebens eines englischen Studenten tatsächlich auf dem Campus statt.
Nach den Vorlesungen trifft man sich auf einen Kaffee oder ein Bier, lernt zwischendurch zusammen in der Bibliothek, geht Abends zusammen etwas essen usw. So etwas wie eine Mensa fehlt hier gänzlich, da der Engländer wohl nur Abends richtig kräftig isst. Hier wird fettig gefrühstückt und zum Mittag essen die Briten anscheinend gern komische Kartoffelchips. Ich kam bisher noch nicht in Versuchung das mal zu kosten.
2. Englisches Wetter
Von wegen! Mal ehrlich, wer von euch hat das Gerücht über permanenten Regen in England in die Welt gesetzt? Das ist definitiv eine Lüge. Ich kann es nicht mal mehr als bloße Übertreibung bezeichnen. Ich habe hier bisher 4 Regentage und 5 bewölkte Tage erlebt. In der restlichen Zeit scheint hier die Sonne! Der Herbst in Brighton ist traumhaft! Allerdings wird es sobald die Sonne verschwindet extrem kalt. Laufe ich tagsüber nur mit meiner Sommerjacke oder einem Blazer herum, brauche ich Nachts Handschuhe, Hut und Winterjacke.
3. LL.M.
Der offizielle Grund warum ich in England bin, ist ja der des Studierens. Nun muss ich auch hier, entgegen aller Angaben ehemaliger LL.M. Studenten sagen, dass mich das Studium sehr in Schach hält. Ich gehe also nicht nur feiern und spiele nicht nur Rugby, sondern muss mich auch für das Studium ganz schön ins Zeug legen.
Dabei kommt es hier meist auf eine sehr detaillierte Vorbereitung an. Mein Studium in diesem Herbstsemester besteht aus nur zwei Kursen. Jeder besteht aus einer Vorlesung und einem dazugehörigen Seminar. Das bedeutet, dass ich in jeder Woche tatsächlich bloß 4 Veranstaltungen an der Universität zu besuchen habe. Zum Vergleich: Tiffy (fka der Frauenmörder) hat nur 2 Veranstaltungen in der Woche und beide am Montag.
Diese Aufteilung ist durchaus üblich für die Masterstudiengänge. Aber so perfekt es klingt, ist es leider nicht. Von uns LL.M. Studenten wird in Vorbereitung auf die Seminare das Lesen einiger Aufsätze erwartet. Im Durchschnitt handelt es sich dabei um 4 bis 8 Aufsätze pro Seminar pro Woche. Also mindestens 240 Seiten Lesestoff pro Woche. Dazu kommen noch Vorträge die wir in regelmäßigen Abständen halten sollen. Mich erwischt es dabei nächste Woche gleich doppelt, da ich in beiden Seminaren in derselben Woche einen Vortrag halten darf.
Die Leserei ist wirklich anstrengend und kostet ein Haufen Zeit. Nicht nur wegen der englischen Sprache, sondern auch wegen der Komplexitität der Themen muss ich manche Aufsätze zwei- oder sogar dreimal lesen bevor sich mir der Inhalt einigermaßen erschließt. Das Gute dabei ist, dass mich nahezu jedes Seminarthema wirklich interessiert. Das macht den Leseaufwand wenigstens zu einem gewissen Teil spaßig.
4. Rugby
Das Frauenrugby Team der Universität machte ja am Anfang einen eher unkoordinierten und unsportlichen Eindruck. Das Training war nahezu strukturlos und bei den einzelnen Einheiten kam man nicht wirklich ins schwitzen.
Mitlerweile liege ich nach jeder Trainingseinheit im Sterben. Dank des guten Fitnesstrainings meines Dresdner Trainers liegt das weniger an der Ausdauer, sondern mehr am Muskelkater. Gerade meine Nackenmuskulatur hat hier einiges auszustehen, aber dazu wenig später mehr. Nachdem der Neulingsstatus nach zwei Wochen für niemanden der weiterhin zum Training erschien mehr zu gelten scheint, wird auch das Training immer anspruchsvoller.
Das zeigte sich letzte Woche zum Beispiel in einer sehr ausgedehnten Fitnesseinheit, die mich doch unglaublich genau an die Kraftkreise meines Lieblingstrainers erinnerte. Nur das wir hier nicht 5 oder 7 Stationen zu bewältigen hatten, sondern 13. Das bedeutet 13 Minuten lang Fitnessübungen. Dabei wurden wir in Paare aufgeteilt und jeder musste die Übungen eine Minute lang machen und durfte sich dann eine Minute ausruhen, weil der Partner dran war. Danach wurde die Station gewechselt.
Die Übungen wechselten dann zwischen Sprinteinheiten, Kraftübungen für unterschiedliche Muskelgruppen oder Ausdauereinheiten. Ich spare mir die Beschreibung jeder einzelnen Übung. Die Rugbyspieler können es sich vorstellen und der Rest wäre sowieso nur gelangweilt. Zusammengefasst: Zum sterben!
Montag wurde das Team dann erstmals wirklich in die Stürmer und die Hintermannschaft aufgeteilt. Für die Rugbyneulinge: die kleinen Dicken und die großen Schnellen. Ihr dürft jetzt alle mal raten zu welcher Gruppe ich wohl gehöre. RICHTIG!
Im Stürmertraining haben wir dann verschiedene, für das Spiel wichtige, Übungen gemacht, die mir zum ersten Mal ein ungefähres Gefühl für das 15er Rugby gegeben haben. Der Trainer erklärte sich dann bereit mit uns nochmal eine extra Trainingsrunde am Mittwoch einzulegen. Diese war dann zumindest für mich sehr erfolgreich.
Denn mit dem gestrigen Training habe ich mir meinen Platz in der Stammmannschaft erkämpft. Ich werde als Loose Head Prop in der ersten Reihe des Sussex Gedränges stehen. Wieder für die Rugbyneulinge: Die Idiotin die im Knäul ganz vorne links steht und mit dem Oberkörper im Gegner verhakt ist! Für mich der beste Job überhaupt, aber mal sehen ob ich das auch noch nach dem ersten Spiel am nächsten Mittwoch sage.
Mein Trainer nennt mich übrigens liebevoll "Scary Spice" und meinte ich müsse schon wegen meines bösen Blickes direkt in der ersten Reihe stehen. Die Gegner würden schon bei dem Anblick die Flucht ergreifen. Ich bin nicht sicher inwieweit das ein Kompliment ist, aber ich bemühe mich seither auch wenn ich konzentriert gucke wenigstens etwas zu lächeln.
Tiffy hat sein Erscheinen beim Spiel zugesagt, so dass ich ihm meine Kamera in die Hand drücken werde, um euch hinterher Beweise liefern zu können.
Es ist unglaublich wie schnell ich in dieses Team integriert worden bin. Schon jetzt haben wir eine Art Teamgeist entwickelt und bringen langsam Ruhe in die einzelnen Spielzüge, weil wir wissen wie die einzelnen Hauptspieler ticken. Ich bin wirklich Teil dieses Teams geworden und werde jetzt mit dem Stammplatz noch mehr eingebunden. Anfangs hatte ich befürchtet 15er Rugby gerade in England wäre mir einerseits zu hart und andererseits zu taktisch. Doch hier Rugby zu spielen ist eine unglaubliche Erfahrung und stärkt die Liebe zu diesem Sport.
Nun habt ihr genug Lesestoff für die nächsten Tage und langweilt euch hoffentlich nicht beim Schmökern.
Manchmal weiß ich nicht genau aus welchen Lebensbereichen ich euch mehr berichten soll, also ein Aufruf an alle Neugierigen: Her mit den Fragen!
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