Kleine Erfolge

Man muss sie feiern, die kleinen Erfolge. Ganz besonders die beruflichen! Man vergisst sehr schnell, dass die Möglichkeit, einen Doktor in England zu machen, ein riesiger Erfolg ist. Genauso wie man sich nur allzu schnell daran gewöhnt, hier unterrichten zu dürfen. Es ist schwer, sich immer wieder bewusst zu machen, dass einem mit diesen beiden Angeboten ein großes Vertrauen und der Glaube daran, einen guten Job zu machen, ausgesprochen wurden.

Flink und unbemerkt schleichen sich also die jahrelang antrainierten Zweifel zurück ins leicht zu irritierende Gemüt, bauen ein Nest und sind nur schwer mit eigenem Zuspruch zu bekämpfen. Öffentliches Recht zu unterrichten ist nach wie vor eine Herausforderung, wenn es mich auch weniger verunsichert als noch im letzten Jahr. Nur wenige der Themen wurden überarbeitet, sodass ich meine Vorbereitungen vom letzten Jahr zu fast 100 Prozent wieder verwenden kann. Auf die Seminare im Europäischen Recht habe ich mich gefreut und obwohl  es eine riesige Freude macht, sprießen gerade hier die Zweifel nur allzu gern!

Mein erstes Jahr als Tutor war geprägt von verpassten Abgabefristen bewerteter Aufsätze, Abwesenheit bei freiwilligen Seminaren und unzufriedenen Studenten. Es war einfach eine selten unsinnige Idee, zu glauben, dass man Au-pair und Tutor zeitgleich sein könnte.
Für dieses Jahr hatte ich mir also einiges vorgenommen. Beide Fächer liefen gut, auch wenn es immer schwer zu sagen ist, was die Studenten wirklich über einen denken. Nach ein paar Wochen des ersten Semesters lernte ich sie besser kennen und konnte langsam Stärken und Schwächen einschätzen und Lernhinweise geben. Kurz vor Weihnachten hatte ich sogar mehr und mehr Studenten, die von anderen Seminargruppen in meine wechseln wollten.

Doch dann wurde ich Anfang Dezember zum Lehrstuhl für Europäisches Recht gebeten, um über die Unterrichtsqualität zu sprechen. Alle Zweifel in allen Körperzellen stürzten sich gierig auf diese Aussage und ich arbeitete sofort an einer Liste von Ausreden und Verbesserungsversprechen. Ich verehre den betreuenden Professor nahezu und schleppte mich mit hängenden Schultern in sein Büro, wissend, ihn enttäuscht zu haben. Da stand er, mit ernster Miene, und blätterte in einem riesigen Stapel Papiere. Er würde in jedem Jahr zum Ende des ersten Trimesters Evaluationsbögen an die Studenten ausgeben, um die Kritik direkt im zweiten Trimester umsetzen zu können. Ich schrumpfte um mindestens zehn Zentimeter. Er zählte einen Stapel von circa 25 Seiten ab und übergab ihn mir mit unverändertem Gesichtsausdruck. Beim Verlassen des Büros hatte ich das Gefühl, zur Türklinke hinaufreichen zu müssen.

Ich verkroch mich im Raum für die Doktoranden und überflog die ersten Fragebögen. Überflog sie  noch einmal. Suchte verdutzt nach einem Hinweis darauf, dass es in diesen Bögen nicht um meine Seminare gehen würde. Sie lobten mich. Es gab Kritik, natürlich, doch im Großteil lobten sie mich. Ich kicherte nervös, als ich dem Professor die Papierbögen zurückbrachte und er empfing mich mit einem breiten Grinsen. Er wäre davon ausgegangen, dass ich mögen würde, was ich las. Zwinkerte er mir gerade über seine Brille hinweg aufmunternd zu? Er würde nur Gutes von mir hören und hoffe, der Job würde mir Freude bereiten. Ich nickte nur und kicherte ein "Ja, sehr!" hervor.

Für zwei Wochen schwebte ich über den Campus und hielt mich auch hin und wieder für unfehlbar. Doch Zweifel sind anhängliche kleine Biester. Ich habe noch keinen Kammerjäger gefunden, der es mit ihnen aufnimmt, jedoch ein kleines Mittelchen, das sie im Zaum hält. Einen der Kommentare der Studenten habe ich fotografiert und als Motivation für schlechte Zeiten bewahrt.

("Nenne drei Dinge, die dir an den Seminaren gefallen haben und die beibehalten werden sollten")

Vielleicht ertrinkt der ein oder andere Zweifel ja endgültig im warmen Bauchgefühl des kleinen Erfolges.

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