Queen Mum
Meine Eltern lieben ihr zu Hause. Sie verbringen ihren Jahresurlaub im eigenen Garten und schlafen am liebsten im eigenen Bett. Zum ersten Mal gemeinsam aus unserem Land in mein Land trauten sie sich zu meiner Abschlussfeier letztes Jahr im Januar. Beide waren begeistert von England und begeistert von Brighton und wollten unbedingt einmal wieder herkommen.
Nur passierte irgendwie nichts. Bald hörte ich auf zu fragen und im letzten April war sowieso erst einmal alles anders. Vielleicht war es letztlich das, was meine Mutter schließlich dazu bewegte keine weitere Zeit mehr zu vergeuden sondern endlich Flüge zu buchen und sich zum 2. Adventswochenende in London einzuladen. Ich habe es bis zu ihrer Ankunft am Flughafen nicht geglaubt.
Wir hatten drei Tage London für uns, ihre Freundin und deren Familie. Schon nach wenigen Stunden war Mamutschka so platt, dass ich die Mannschaft in der Innenstadt zurücklassen und sie zum Hotel bringen musste. Ich hatte mir vorher vom Rest der Reisegruppe eine Telefonnummer geben und den Plan für den Nachmittag beschreiben lassen. Mamutschka und ich hielten ein Schwätzchen im Hotel und ich war nach ca. 2 Stunden wieder zurück am Themseufer und schlenderte vom Tower zur Tower Bridge.
Die freundliche Frauenstimme am Telefon versicherte mir immer wieder, dass die Person die ich anrufe nicht erreichbar sei. Mist. Doch ich war mir Londons Liebe sicher und überzeugt ich würde dem Rest der Truppe schon auf der Tower Bridge begegnen. Nach meiner Einschätzung müssten sie es in den zwei Stunden über den Fußweg und durch den Maschinenraum geschafft haben. Ich sollte Recht behalten, als sich ein bekannter Arm in meinen einhackte und vier bekannte Gesichter nicht fassen konnten, dass wir uns einfach so ohne ausgemachten Treffpunkt wieder gefunden hatten. Man, war ich stolz auf mein London!
Nach weiteren zwei Stunden Stadtführung zu Fuß und per Bus waren wir mit unserem erjagten Abendessen im Hotel und erzählten Mamutschka von der Gurke, der Weihnachtsbeleuchtung der Oxford Street und dem Treffen auf der Tower Bridge.
Die nächsten beiden Tage verbrachte ich vor allem damit rot behutet voran zu Schreiten und mein London zu präsentieren. Wir waren im Hyde Park und Kensington Gardens, am Albert Memorial, vor der Royal Albert Hall und im Harrods. Wir ließen uns im Winterwonder Land den englischen Glühwein schmecken und folgten Sherlock Holmes Spuren durch 221 B Baker Street. Wir zählten Grabmäler in Westminster Abbey und Glockenschläge vor Big Ben, bestaunten St. Pauls Cathedral und zählten Wachen vorm Buckingham Palace.
Doch die für mich größte Attraktion war meine Mutter. Ich kann mich bis heute nicht daran erinnern sie jemals für drei ganze Tage nur für mich gehabt zu haben, so ganz ohne kleine Schwester und Papa. Wir teilten uns ein Hotelzimmer und schwatzten abends über den Tag und über die Familie. Stunde für Stunde, und überhaupt nicht greifbar schienen wir einander kennen zu lernen. Mamutschka mit ihrer besten Freundin zu sehen erinnerte mich das ein oder andere Mal an Hexe und ich musste schmunzeln.
Hin und wieder erwischte ich meine Mutter dabei wie sie mich musterte. Sie sagte kein Wort, lächelte nur sanft und fing ein neues Gespräch an. Auf dem Weihnachtsmarkt dann sagte sie etwas zu mir, für dessen Einordnung ich ein paar Tage brauchte: "Du lebst dein Leben einfach, wie ich es nie konnte."
Sie war Stolz doch auch befremdet von der jungen Frau die da vor ihr stand, in einer für sie unverständlichen Sprache mit jungen Verkäufern flirtete und nur so zum Spaß Hüte anprobierte ohne einen kaufen zu wollen. Am Flughafen sollte Mamutschka sich dann mit einer tränenreichen Umarmung verabschieden. Meine Mutter weint nicht. Ich dachte immer, sie kann das gar nicht. Dann stand sie da vor mir und weinte um ihre kleine Anne, die nun in England lebt; um die Nähe, die wir uns in diesen drei Tagen erquatscht hatten; und vielleicht auch um ihre verpassten Abenteuer.
Ich hatte mir ein paar Tage später gewünscht, sie würde mehr an meinem Abenteuer teilhaben wollen. Meine Reise weniger als Flucht vor ihr und mehr als Chance zum Reisen für sich sehen. Nun kommt sie zusammen mit Paps Ende März wieder. Für ein erneutes Wochenende in London und eine neue Portion Annäherung. Eine leise Hoffnung flüstert bereits, der Wunsch habe sich damit erfüllt. Ich beobachte noch und freue mich einfach.

Irgendwie so seltsam wie das Wochenende. Konnte mich wohl beim Schreiben nicht entscheiden was von diesen drei Dingen es nun werden sollte. Seltsam.
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