Université Toulouse 1 Capitole
So lautet der offizielle Name der Universität an der ich mich in den nächsten 3 Monaten bilden darf. Das System der verschiedenen Universitäten hier habe ich noch nicht ganz begriffen und ohne Sprachkenntnis wird sich mir das Ganze wohl auch leider nicht erschließen. Aber immerhin weiß ich dank Charline wie ich den Weg zu "meiner" Universität finde und wen ich fragen kann, sollte ich mich mal verlaufen.
Die Vorlesungen hier finden tatsächlich, wie versprochen auf englisch statt. Nur Zwischenfragen und Gruppendiskussionen gleiten das ein oder andere Mal in die Muttersprache der meisten Anwesenden ab. Ich warte dann einfach immer bis die Standpunkte ausgetauscht sind und frage nach dem Ergebnis. Gestern haben wir uns an dem Punkt dann nochmal eine Diskussion auf englisch geliefert, weil ich nicht ganz einverstanden war. Die Studenten sehen als gute Übung an, da sie in diesen Vorlesungen auch Vorträge auf englisch halten sollen und auch die mündliche Prüfung am Ende des Semesters in englischer Sprache abgehalten wird.
Was das fachliche angeht bewege ich mich hier auf totalem Neuland. Thema dieses Semesters ist Wettbewerbsrecht. Die Juristen unter den Lesern können sich sicherlich noch an mein Interesse an diesem Fachgebiet im Studium in Dresden erinnern. Jetzt sitze ich also hier, ohne jede Grundlage und soll mich auf Masterniveau zum Thema äußern. JUHU! Gott sei Dank ist das alles hervorragend mit Europarecht verknüpft, so dass ich immer einen Weg finde die Diskussion in Bahnen zu lenken zu denen mir dann auch was fachliches einfällt. Anfang Februar habe ich dann die Ehre das deutsche Wettbewerbsrecht in einem Vortrag vorstellen zu dürfen. Das wird ein Spaß!
Zurück zu den wirklich schönen Seiten dieses Semesters im Süden. Nach dem kurzen Wintereinbruch ist hier der Frühling wieder ausgebrochen. Die Franzosen behaupten zwar es wäre Winter, aber es fühlt sich eindeutig nicht so an. Handschuhe und Hut kann ich hier getrost zu Hause lassen. Gestern habe ich dann unterwegs auch meinen Schal in meiner Tasche versteckt, da ich eindeutig zu warm angezogen war. Das Klima macht mir als Wintermuffel also Freude!
Toulouse selbst ist größer als ich dachte. Laut Charlines Auskunft hat dieses Städtchen 600,000 Einwohner. Man ist 5 Busstunden von Barcelona entfernt und 5 Zugstunden von Paris. Die Stadt erinnert mich zu gleichen Teilen an Paris und Verona.
Sie hat das schmutzige, laute und schnelllebige der französischen Hauptstadt und gleichzeitig die italienische verträumte Gelassenheit Veronas.
Die Innenstadt wird von den Franzosen als "pinke Stadt" bezeichnet. Ich war schockiert und wollte sofort flüchten! Charline erklärte mir jedoch, dass dieses pink eher orange ist und mein Fluchtinstinkt ließ sich bremsen. Tatsächlich sind die meisten Häuser der Innenstadt in verschiedene Orangetöne getaucht.
Typisch für die Häuser hier sind auch winzige Balkone vor den Fenstern (sicherlich gibts für die einen Fachbegriff den ich Architekturbanause nicht kenne). Toulouse scheint eine recht junge Stadt zu sein und ihre Bewohner sind unglaublich modebewusst. Wo man in Brighton die Leute anstarrte weil sie so eigenartig aussahen, kann man hier vor allem die Damen für ihren Kleidungsstil eher bewundern. Kein Minirock, wo keiner getragen werden kann. Keine Farbe, wo keine hingehört und immer passend kombiniert. Auch treten die Ladys hier ganz anders auf.
Wo Brightons Einwohnerinnnen oft durch die Gegend stacksten auf ihren viel zu hohen Pfennigabsätzen, trägt die französische Frau diese Schuhe nur wenn sie darauf auch geradeaus blickend und mit geraden Rücken laufen kann. Bezaubernd und faszinierend zu gleich. Das soll natürlich nicht heißen, dass es hier keine Frauen gibt die sich in zu enge Jeans und zu kurze T-shirts quetschen. Doch wo diese in Brighton der Standard sind, sind sie hier die Ausnahme und vielleicht ja auch nur englische Touristen. Was mir an dieser Stadt auffällt: Sie macht mir keine Angst. Ich spreche die Sprache zwar nicht, aber zum bestellen eines Milchkaffees und eines Schokocroissants reicht es. Gestern habe ich es auch mit Hilfe von ausführlichen Gesten geschafft in der Post einen Kompaktbrief aufzugeben. Entgegen meiner Erwartungen sind die Franzosen wirklich hilfsbereit wenn sie bemerken, dass man versucht in ihrer Sprache zu kommunizieren und sie nicht sofort mit der ungeliebten Weltsprache konfrontiert. Auch die allgegenwärtige Präsenz des Rugbysports macht Freude. In jeder noch so kleinen Straße gibt es wenigstens einen winzigen Rugbyladen mit den verschiedensten Fanartikeln und Trikotarten. Vom Balkon des WG aus habe ich einen einzigartigen Blick zum Stadion.
Wie ich gestern im Sportbüro erfahren habe findet das Training direkt neben dem Stadion auf einem der Trainingsplätze statt. Unglaublich! Schade ist, dass ich hier wiederum kein 15er Rugby spielen werde. Dabei habe ich gerade gefallen daran gefunden. Toulouse schafft es entgegen aller Erwartungen, mangels Interesse der Weiblichkeit, auch nur eine Mannschaft für 7er Rugby auf die Beine zu stellen. Am Montag ist das erste Training. Ich bin gespannt auf die Mädels und vor allem auf die wahrscheinlich nur französisch sprechenden Trainer.
Ich werde die Sonne genießen und an euch Eingeschneite denken!
P.S: Einblick in die WG
vielleicht hab ich mich einfach nur lange genug versteckt und die welt will mich jetzt nicht verschrecken, jetzt wo ich schon mal da bin :D
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