Eine Anne in Schottland

Ich müsste wohl meinen Blog in "Eine Anne in Großbritannien" umbenennen, denn so langsam komme ich ganz schön rum.

Am 16. März endete das Frühlingstrimester und für mich damit auch die Tätigkeit als Seminartutor für dieses akademische Jahr. Ich darf zwar im April noch zwei bis drei Wiederholungsseminare geben, aber das ist nicht mit den sonstigen elf Kursen zu vergleichen.

Um gebührend in die unifreie Zeit zu starten, organisierten wir Rugbymädels einen Ausflug zu wohltätigen Zwecken. Die Briten sind ganz versessen auf solche Dinge. Manche Leute laufen einen Marathon und lassen sich sponsorn, andere besteigen den Kilimanscharo. Die Sponsorengelder werden dabei nicht für den Ausflug verwendet, sondern kommen einem gemeinnützigen Verein, einem Forschungsprojekt oder ähnlichem zu Gute. Wir nahmen uns vor, nach Edinburgh zu kommen, ohne Geld auszugeben. Dieses Vorhaben bewarben wir groß und man konnte uns über eine Internetseite Geld spenden. Natürlich ging dieses Geld direkt an zwei Organisationen und wurde nicht von uns in Zugtickets investiert.

Wir starteten direkt am Samstag nach Uni-Ende. Da man eine Gruppe von fünfzehn Mädels ganz schlecht auf einmal umsonst in ein Auto, einen Zug oder Bus bekommt, teilten wir uns in Dreier-Gruppen auf. Es ging darum, als erstes Team in Edinburgh anzukommen.




Nun habe ich mich noch nie im Trampen versucht und konnte mir auch wirklich nicht vorstellen, zwei Stunden lang an einer Straßenseite darauf zu warten, dass uns jemand mitnimmt. Also beschloss unser Team ganz schnell, es zunächst mit kostenlosen Zugfahrten und National-Express-Bussen zu versuchen.



In den Zug nach London kamen wir relativ unbemerkt. Die Herausforderung war es dann, es in einen Bus an der Victoria Coach Station zu schaffen, der uns möglichst weit Richtung Norden bringen würde. Am Busbahnhof angekommen standen wir vor der Reihe von Anzeigetafeln und suchten uns ein paar mögliche Verbindungen raus. Der Bus nach Manchester sollte es werden. Wir sammelten all unseren Mut und stapften direkt auf den Busfahrer zu. Der wollte leider gerade aufbrechen, öffnete nur widerwillig die Türen und als er auf unsere T-Shirts "Sussex Rugby Mädels Trampen nach Edinburgh" las, schüttelte er nur den Kopf und schloss die Türen wieder.


Bevor die Ablehnung unser Gemüt verdunkeln konnte, versuchten wir es bei dem nächsten Bus, welcher nach Leeds aufbrechen sollte. Der Busfahrer hörte uns zu und verwies dann auf den verantwortlichen Manager. Wir ahnten schon die Ablehnung, doch wollten keine Chance ungenützt lassen und hielten unseren Vortrag erneut vor dem Management. Der Herr musterte uns drei über seine Brille hinweg, ich verweise hier darauf, dass ich mit einer Kuh und einem Krokodil unterwegs war, und verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Ich rief ihm noch hinterher: "Jeder Bus, der uns Richtung Norden bringt, wäre super, wirklich jeder!"

Wir dachten, er würde uns einfach ignorieren. Doch stattdessen schritt er die Reihe der Busse am Busbahnhof ab und sprach mit den Fahrern. Nach nur ein paar Minuten winkte er uns tatsächlich zu dem Bus nach Leeds und ließ uns einsteigen. Wir konnten unser Glück nicht fassen und wären ihm beinah um den Hals gefallen. Dieser Bus würde uns bereits die Hälfte der Gesamtstrecke durch das Land bringen!


Wir brauchten ein paar Stunden, um unser Glück zu fassen und wirklich verstanden haben wir es erst, als wir von den anderen Teams hörten.

Einige steckten an einem der Londoner Flughäfen fest. Andere hatten bereits zwei Stunden an der falschen Seite der Autobahn zugebracht und sich gewundert, warum alle haltenden Autofahrer Richtung Süden fuhren. Hier sagte das Krokodil mit Namen Irene zum ersten Mal: "Ich glaube wir können gewinnen!"

In Leeds angekommen standen wir direkt wieder unter Strom. Es gab keinen direkten Bus nach Edinburgh. Da ich mir vorher die Inselkarte angesehen hatte, wusste ich, dass ein Bus nach Newcastle uns zumindest weiter nach Norden bringen würde. Der fuhr in drei Minuten. Wieder erwarteten wir, vom Busfahrer abgelehnt und ans Management verwiesen zu werden. Dies würde unter Umständen bedeuten, dass wir den Bus verpassen und über Nacht in Leeds bleiben würden. Unser Kroko winkte mit einem Zettel, der formell aussah, und erklärte, wir würden dies für wohltätige Zwecke tun. Der Busfahrer sah nicht beeindruckt aus. Er schüttelte den Kopf und sah dabei zwei Kollegen an, mit denen er, während die Passagiere einstiegen, ein Schwätzchen gehalten hatte. Irenes letzter Satz war: "Wir sind heute in Brighton gestartet." Da wurde er hellhörig und rang sichtlich mit sich. "Steigt schon ein!" war alles, was er sagte. Als wir dann Platz nahmen, meinte er noch: "Ich setz euch nachher vielleicht noch in einen schnelleren Bus um!" Wir waren mal wieder geplättet.

Auf dieser Bustour fingen wir langsam an zu glauben, dass dieses Abenteuer doch einfacher war, als gedacht. Doch dann flatterten wieder Neuigkeiten von den anderen Teams ein: Eines hatte sich zu weit vorgewagt und sich in einen Direktzug von London nach Edinburgh geschummelt, der nur zweimal auf der Strecke hält. Sie wurden am ersten Halt des Zuges verwiesen und bekamen eine Geldstrafe von insgesamt 250 GBP als Andenken dazu. Ein weiteres Team war auf dem Weg nach Manchester und hoffte, einen Nachtbus nach Edinburgh zu bekommen. Es war aber erst 4 Uhr nachmittags. Die anderen Teams hatten sich bereits einen Schlafplatz irgendwo gesucht und waren auf dem Weg dorthin.

Wir schälten uns gegen 20 Uhr in Newcastle aus dem Bus und mussten feststellen, dass es keine weitere Busverbindung nach Edinburgh für den Samstag geben würde. Es war schlichtweg zu spät. Unsere einzige Chance war es, dass vielleicht die Barrieren am Bahnhof schon ausgeschaltet sein würden und wir so in einen Zug kommen würden. Gesagt, getan. Am Bahnhof bestätigte sich unsere Hoffnung. Die Barrieren waren offen und in einer halben Stunde würde der nächste Zug fahren.


Mein Krokodil und meine Kuh hatten derweil riesigen Hunger. Meine halbe Tasche war mit Nahrungsmitteln vollgestopft gewesen, da ich keinem mein hungriges Selbst zumuten wollte, doch den beiden war nach Warmem im Bauch. Wir sollten ja nun aber auf dem Ausflug kein Geld ausgeben. Die Kuh (!!!!) hatte riesigen Appetit auf Burger King (!!!!). Überzeugt davon, erhört zu werden, schlichen wir ins nah gelegene Fastfood-Restaurant und unsere Kuh trug das Anliegen vor. Der Mann an der Kasse kicherte und schüttelte den Kopf. Plötzlich kam aus dem Hintergrund ein wichtig aussehender Mann im Anzug und korrigierte ihn. Uns wurden dann drei Whoppermenüs zur Verfügung gestellt. Ich konnte es nicht fassen!


Mit vollem Bauch schlenderten wir zum Zug und versuchten wirklich, den Zugbegleiter beim Einsteigen zu ignorieren. Auf meinen Einwand: „Sollten wir ihn nicht fragen?“ wurde ein Kopfschütteln und gezischtes „Steig einfach ein!“ erwiedert. Doch wie wahrscheinlich ist es wohl, dass ein Krokodil und eine Kuh unbemerkt bleiben? Richtig! Er kam direkt zu uns und fragte nach unseren Fahrkarten. Der Zug rollte los und so startete Irene ihre Rede. Das Gesicht des Zugbegleiters war versteinert: "Wieso habt ihr nicht beim Einsteigen gefragt?" Irene behauptete: "Wir haben sie leider nicht gesehen." "Ihr seid direkt an der Tür vor mir eingestiegen". "Oh, wirklich? Ehm... mhm... *brubbel*räusper*" "Nur dass ihr es wisst, offiziell erlauben wir so etwas nicht!" sprach er, drehte sich um und ward nicht mehr gesehen. Ich war mir nicht sicher, das Gespräch korrekt verfolgt zu haben und so fragte ich Irene: "Ist das ein Ja oder ein Nein?" Das Kroko meinte: "Keine Ahnung, wir werden ja sehen, ob er uns rauswirft."

Er tat es nicht. Und so erreichte das erste Team gegen 22:15 Uhr am Samstagabend das Ziel, nach nur nach 13 Stunden kostenloser Reise. Wahnsinn!


Die anderen Teams trudelten über den nächsten Tag verteilt ein, das letzte erreichte Edinburgh nahezu genau 24 Stunden nach uns. Wir erzählten uns unsere Abenteuergeschichten, lachten, tranken, ärgerten uns über Schnarcher und Huster und freuten uns über die schottische Sonne und das wunderschöne Edinburgh.

Es war ein fantastisches Abenteuer und ein großartiger Ausflug. Wir verbrachten drei Tage in Edinburgh und fuhren am Dienstag zurück. Ich werde mich auf jeden Fall mal wieder in Schottland blicken lassen. Dann werde ich aber sehr gern ein paar Pfund in die Reise investieren, damit es nicht 13 Stunden dauert und man sich die Angst, mitten im Nichts zu versauern, erspart. Was für ein Wochenende!













































Kommentare

  1. Glück brauch der Mensch, vorallem bei solchen verrückten Aktionen!

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  2. Für die wenigen die über Neuigkeiten benachrichtigt werden: Habe den Beitrag dank Caribou endlich von Fehlern und Ungenauigkeiten befreit. :)

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  3. ich wollte, aber mein kostüm (ein tiger) kam leider nicht bei mir an! eine freundin vom krokodil wollte mir das beschaffen, musste dann aber die übergabe absagen.

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