Jahr Zwei



Am 03.09.2010 wollte ich abreisen. Der Flug gegen 06.50 Uhr sollte es werden. Die Arbeit würde von Bea für mich abgegeben werden und die Schlüssel lägen bei meinem Vermieter im Briefkasten.

Ich bin noch hier und beginne von vorn.

Ich wohne jetzt in Hove, dem westlichen Teil von Brighton & Hove, wie die Stadt in der ich lebe eigentlich heisst. Abgesehen von dem Kater Bruce ist dies ein reiner Weiberhaushalt. Nach nun drei Wochen leben und wohnen mit drei Kindern und einer Karrierefrau fange ich erst jetzt an mich wirklich einzuleben. Bis zur Abgabe meiner Abschlussarbeit am Montag lief das Au-Pair dasein eher nebenher. Ich funktionierte und das musste erstmal reichen.
Jetzt realisiere ich die wirklichen Veränderungen: Der sehr eingeschränkte Busverkehr am Abend, der mich 1/3 meines Nannygehaltes in Taxis investieren lässt; Das für meine Arbeitszeiten zu frühe Rugbytraining welches daher für mich weiterhin ausfällt; Die Herausforderung Bestandteil eines Haushalts und einer Familie zu werden ohne die Privatsphäre einer Einzelgängerin zu untergraben. Bis auf winzige Heulereien, die ich eher meinem überarbeiteten Geist zuschreibe, schlage ich mich gut.




Die Jüngste gewöhnt sich langsam an mich, die Älteste macht mir seit dem zweiten Tag Liebeserklärungen und die Mittlere bringt mir begeistert bei Klavier zu spielen.

Der PHD beginnt im Oktober, genauso wie meine Aufgabe Öffentliches Recht zu unterrichten. Die Bücher liegen noch unberührt im Regal, jedoch habe ich endlich den verantwortlichen Professor getroffen: Wirr, witzig und unorganisiert (an dieser Stelle könnte ich ein Preisausschreiben starten für das gelungene Abrunden der Alliteration, doch wir wissen alle wer gewinnen würde!). Ich kenne also nun meinen Stundenplan und meinen Chef. Ich kenne nur das Fach das ich unterrichten werde noch nicht. Zur Doktorarbeit gibt es ein eigenes Organisatorenteam, dass mich gern wöchentlich zu Gesicht bekommen möchte. Ich fange an meine neuerdings sehr langen Tage vollkommen auszuplanen und hoffe das durchzuhalten und ausgleichen zu können. An die Nannyaufgabe gewöhne ich mich jetzt schon merklich, mal sehen wie es mit dem Beginn des zweiten Jobs und der eigentlichen Aufgabe wird.

Burcu ging.Klamm und heimlich eigentlich, am Samstag vor unserer Abgabe gegen 12 Uhr Mittags schoben Bea und ich sie widerwillig in den Flughafenbus. Das versprochene Frühstück fiel Burcus unorganisierter Packorgie zum Opfer. Dieses Ende realisierten wir Zurückgebliebenen erst am Montag Abend. Sie reißt kein großes Loch doch sie fehlt. Ich hoffe sie ist glücklich, vollkommen egal wo sie leben wird.

Mein Seelchen hängt derzeit etwas in den Seilen. Ich bin von Heimweh und Versagensangst geplagt, kenne aber beides bereits im Zusammenhang mit wichtigen Abgaben. Als mir am Montag dem 03.09. um 15.57 Uhr Ortszeit die freundliche Dame im Büro versicherte sie hätte jetzt alles, schaffte ich es noch in einen Sessel im Vorraum und blieb dort erstmal 30 Minuten sitzen. Mein unfitter, nach Schlaf lechzender Körper beschloss mit dem weichenden Adrenalin auf Standby zu gehen. Eine geduldige Bea, ein Glas Pimms und ein paar Kekse später ging es mir besser aber noch nicht gut. Es brauchte zwei weitere Cocktails damit ich endlich entspannen und das Ende dieses Jahres annehmen konnte.




Derzeit schlafe ich soviel es geht, habe das Süßigkeiten essen aufgegeben und mir für Montag eine erste seichte Joggingrunde vorgenommen. Nachdem ich mich voll und ganz auf meinen Geist konzentrierte ist jetzt mein Körper dran. Der schreit geradezu nach Aufmerksamkeit und da ich derzeit nicht in meinen Wintermantel passe, es aber zufühlendst kälter wird, sollte ich ihm zuhören.

Nahezu jeden Tag stelle ich mir die Frage ob ich die richtige Wahl getroffen habe. Noch bevor das Abenteuer beginnt zweifel ich daran. Klingt vertraut, oder? Ja, man kann ja auch nicht alle schlechten Eigenschaften in einem Jahr ablegen. Dafür braucht man schon 2, 3 oder sagen wir 4.

Kommentare

  1. Natürlich war ich NICHT joggen. Aber mein Schokoladenentzug funktioniert super. Ich schummel auch schon seit drei Tagen nicht mehr mit Kakao! :D
    Das Flaschenzugbild ist wirklich gruslig. Vielleicht geh ich doch noch ne Runde laufen!

    Ich bin sehr vorsichtig was Adressveröffentlichungen angeht, zumal es nicht mein Haus ist. Werd aber mal eine E-Mail an alle bisher so fleißigen Kartenschreiber senden. Ich bekomme doch so gern Post! :)

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  2. ich liebe dich auch...

    irgendwann komm ich damit zurück zu dir!

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