Herbstgedanken

Ich spüre die Hand im Rücken. Den Druck auf meiner Wirbelsäule. Meine Absätze schrumpfen und verschmelzen mit dem Asphalt. Der Teer kriecht meine Fußgelenke und Schienbeine hinauf und greift nach meinen Knien. Sie ist nicht stark genug um mich wirklich vorwärts zu schieben, doch auf ihre Wärme hin löst sich die Schwärze von meinen Beinen und sie bewegen sich wie von selbst. Mein Kopf ist leer. Hier wird sich alles ändern.

So nah war ich diesem Ungeheuer noch nie. Es scheint das Haus überragen zu können in dem ich wohne. Grinsende Damen in zu hellen Feinstrumpfhosen und albernen Hüten. Die fordernde Hand reißt Witze. Ich höre nicht zu, lache aber hin und wieder abwesend, wenn sie lacht. Stufen. Ich glaube 13. Die Hand verschwindet und hinterlässt einen immernoch wärmenden Abdruck. Wir sitzen.

Irgendwer redet, irgendwer niest, irgendwer meckert, sie lacht und die Hand ergreift meine. Ihr Ring schmerzt beim festen Zugreifen. Das tut gut. Es lenkt ab davon den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihre Fingerspitzen werden weiß. Sie sagt nichts. Sie lächelt erst zu mir und staunt dann aus dem Fenster. Sie spürt die Finger nicht mehr, doch lässt mir den Halt.

Winzige Bildschirme werden ausgeklappt. Irgendwer redet, irgendwer hustet und Monika, Phoebe und Rachel rennen in Brautkleider durch die New Yorker WG. New York. Stell dir vor dieser Flug ginge nach New York. Nein, stell es dir nicht vor. Der Kamillentee verbrennt mir die Zunge und wärmt mir den Bauch. Mir ist nicht mehr schlecht.

Sie liest. Ihre Fingerspitzen sind blau. Zuckerwatte fliegt vorbei und mir wird schlecht. Wir fallen. Lange. Der Ring gräbt eine Kerbe in meine Hand. Irgendwer redet, Irgendwer mault, Irgendwer steht auf, sie lächelt und schuppst mich aus dem Sitz.
Wir fahren Zug und Bus und U-Bahn und dann
London.

Der Abdruck auf meinem Rücken ist noch da. Ich spürte ihn beim Zahnarzt vor fast drei Jahren. Er wärmte mich in meinen Klausuren im verpassten Sommer. Es kitzelte beim Buchen des Zugtickets im letzten Herbst und kratzte mächtig am ersten Morgen in England.
Der Abdruck auf meinem Rücken wird bleiben. Nicht um mich weiter voran zu treiben, dafür brauche ich ihn nun nicht mehr. Doch er wird mich immer daran erinnern wann alles begann. Er steht für den Neuanfang und die Grenze zur alten Welt. Als Mahnmal nicht Umzukehren, denn ich bin schon zu weit geflogen. Hier wird sich alles ändern.

Nichts endet mit dem Herbst. Mit den fallenden Blättern wird nur die Grenze zur vergangenen Welt so dünn, dass sie fast greifbar scheint. Sie sind klar und bunt wie das Laub. Der Herbst lässt sie tanzen, meine Erinnerungen.

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