Die geliebte Macht der Gewohnheit


Ich hatte nach fast drei Wochen Deutschlandaufenthalt erwartet mich hier fremd zu fühlen. Ich hatte fest damit gerechnet, dass mir die Umstellung schwer fallen würde, da ich wirklich wieder anfing mich in Dresden zu Hause zu fühlen.
Doch schon am Flughafen in London setzte die Routine wieder ein. Kein verhaspeln beim verwenden der englischen Sprache, keine Verwunderung über die unstimmigen Outfits (sondern eher die anerkennende Analyse: Eindeutig Britin!) und kein Gefühl des Verlorenseins.

Zurück in Brighton und nach zwei Stunden Erholungsschlaf besuchte mich Bea zum ersten Mal. Bis dahin war ich immer bei ihr reingeschneit. Wir saßen im Wohnzimmer, stopften uns mit Kuchen voll, kicherten, führten ernste Gespräche und schauten Bridget Jones.
Ja, mir kam diese Situation auch sehr bekannt vor, nur stimmte die Sprache nicht und statt Wein/Kaffees gab es natürlich Tee. Diese Vertrautheit nach der langen Abwesenheit irritierte mich. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass ich zurückkommen und sofort wieder da sein würde. Doch Bea war wie immer, oder ich war wie immer oder wir waren wie immer. Nicht einmal das durchblättern der Hochzeitsfotos ließ ein Fünkchen Unwohlsein in der englischen Vertrautheit aufkommen. Eigenartig!

Gestern hatte Bea Geburtstag. Da sie diesen Tag sonst eher meidet habe ich ihn einfach zum Bea-day umgetauft und mir jegliche Anspielung auf den eigentlich Grund des Feierns verkniffen. Wir trafen uns am späten Nachmittag, bestellten Pizza, leerten eine Flasche Sekt zusammen und schauten "Die Dolmetscherin". Für mich das erste Mal das ich mir einen Politthriller auf englisch angesehen habe und es war eine kleine Herausforderung, mit englischen Untertiteln am Ende aber garnicht so schlimm.

Das Gefühl von Alltag zu beschreiben fällt einem schwer. Es ist nicht mit kribbeln in der Magengrube und im Haaransatz beladen wie das Gefühl des Abenteuers und das verliebt sein. Es lässt einen nicht ständig Zweifeln und bereitet einem Bauchschmerzen wie Angst und Unsicherheit. Es lässt einen keine Tränen vergießen.
Wenn man all dies ausschließt, könnte man meinen das Gefühl von Alltag wäre garkeines, oder ein schlechtes. Für mich ist Alltag wie eine sichere Festung, eine Bastei die aus dem Nichts entsteht und einen dann hält und umschließt. Für mich ist Alltag wie ein wärmender Mantel. Es gibt mir ein ganz wohliges Gefühl und ich kann mich zurücklehnen und die Kleinigkeiten genießen.
Nach den turbulenten Monaten in Frankreich und den aufregenden Anfängen in England und dem immer wieder aufkeimenden Gefühl des Fremdseins in Deutschland gefällt es mir diesen Mantel zurück zu haben. Ich trage ihn manchmal wenn ich bei meinen Eltern bin, aber da ist es eher mein alter staubiger Mantel aus Schulzeiten, den ich ausgrabe und für eine Weile anlege. Doch dieser Mantel der geliebten Gewohnheit ist neu, weich und warm und lässt mich zufrieden lächeln. Ich würde es als dritte Phase des Auslandsaufenthalts bezeichnen und ich bin glücklich darüber, dass ich soweit gekommen bin. Zu Hause; wer sagt eigentlich, dass man nur eines haben kann.

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